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„Haarmonische“ Weihnachtsbegegnung

„Tina?“ Ich schaute auf und erkannte meine Kusine sofort.
Sie war kleiner als ich, zierlich und sehr gut gekleidet, eine attraktive Frau mit blondem Bob, der im künstlichen Licht glänzte. Mitten in einem riesigen lauten Kaufhaus, im Gedränge, drei Tage vor Weihnachten, am Wühltisch mit allerlei Weihnachtszeug stand sie da und sah mich an. Wir verharrten in unseren Blicken und konnten es wohl beide nicht fassen uns nach fast 20 Jahren wieder zu sehen. Einfach so, hier in diesem Adventschaos, in unserer Stadt, in der wir beide aufwuchsen.
„Julia“ sagte ich überrascht und ich dachte mir in diesem Moment, ob sie gleich Anlauf nimmt und über den Tisch hechtet, um mich an Ort und Stelle zu erwürgen.
„Ich habe dich gleich wieder erkannt. An deinen Haaren“, sagte sie und lächelte.

Als ich sechszehn Jahre alt war, verunglückten meine Eltern auf der Autobahn. Mein Vater übersah beim Überholen einen Transporter und beide waren auf der Stelle tot. Ich stand plötzlich allein da. Ich zog zu der Schwester meine Mutter, die mit meinem Onkel und meiner Kusine im selben Stadtviertel lebten. Wir hatten vorher wenig Kontakt. Mein Onkel war ein herzensguter Mann ohne Rückgrat, meine Tante das Gegenteil meiner Mutter. Eitel, oberflächlich mit wenig Tiefgang. Diese Eigenschaften hatte sie erfolgreich an ihre Tochter weitergegeben und nicht nur das. Julia hasste mich vom ersten Moment an. Sie war verwöhnt, herrisch und hysterisch. Sie trug ihre blonden Haare bis zum Po, ihr ganzer Stolz. Sie wollte Model werden oder Designerin, am besten beides. Sie war neidisch, selbstsüchtig und sie machte mir das Leben zur Hölle. Tägliche Gemeinheiten, Lästereien in der Schule über mich, Unterstellungen, Behauptungen usw. Ich musste mich ständig rechtfertigen, entschuldigen, verteidigen.
Sie hortete eine Mädchenschar um sich, die sie bewunderten und hinter ihr her liefen wie hörige Hühner. Ich durfte nicht bei den „Mädels Abende“ dabei sein, keine Schönheitsnachmittage mitmachen, wurde nicht eingeladen zu Partys. Nicht das mich das gestört hätte, ich war zu dieser Zeit wenig kommunikativ, schüchtern und mürrisch. Ich fühlte mich verlassen und war traumatisiert. Im Nachhinein wusste ich, warum Julia unter anderem so reagierte. Sie war eifersüchtig, weil ihr Vater mich mochte und sie sah bereits etwas in mir, was ich zu der Zeit nicht erkannt. Ich hatte das gewisse Etwas, was ihr komplett fehlte. Ich war dünn, groß und hatte lange Beine, viele Sommersprossen, lange rote Locken und hellblaue Augen. Ich fiel positiv auf und das war ihr Problem.  
Letztendlich waren wir nur dumme Teenager und statt zusammenzuhalten führten wir einen erbarmungslosen Krieg. Schuldlos war ich sicher auch nicht an dem Ganzen.

Ich wusste nicht mehr genau, wann mein Tag X kam, es war einfach ein Gefühl, dass mich handeln ließ. Ich musste etwas ändern. Als ich mit einer Freundin in einem Tanzcafé war, sprach mich eine Fotografin an. Sie meinte ich hätte das Zeug zum Modeln und ich soll mich bei ihrer Agentur melden. Ich steckte die Visitenkarte in meine Jeans und besiegelte damit meine Karriere.
Heimlich ließ ich mich bei der Agentur unter Vertrag nehmen. Ich war gerade Achtzehn geworden, hatte das Abitur in der Tasche und musste niemanden mehr fragen. Ich hätte einfach gehen können, aber ich wollte noch ein kleines Andenken hinterlassen für meine Kusine.
Julia pflegte ihre Haare mit den teuersten Produkten die Mama finanzierte. Im Bad standen unzählige Tiegel und Tuben. Am Freitag war wieder Schönheitsnachmittag angesagt. Die dummen Puten kamen zu uns und im Bad wurde gecremt, gesalbt und gepflegt. Meine Tante kaufte zu diesem Anlass eine sündhaft teure Haarpackung und diese wurde von meinem Kusinchen in ihre Haarpracht aufgetragen und einmassiert. Ich saß bereits mit meiner gepackten Tasche in meinem Zimmer und hörte durch die Wand das Kichern und Gaggern.

Nach einer guten halben Stunde Einwirkzeit der Haarpackung kam der erwartete gellende Schrei. Ich rannte aus meinem Zimmer, meine Tante schoss die Treppe hoch. Im Flur stand meine zitternde Kusine, das blanke Entsetzen in ihren Augen und die Erkenntnis, als ich ihr gegenüberstand, dass ich daran Schuld war. Einen kurzen Moment tat sie mir echt leid. Kahlköpfig, die blonde Pracht lag auf dem Badezimmerboden verteilt. Den Hühnern stand der Mund offen und meine Tante fiel in Ohnmacht.

Die Enthaarungscreme hatte ihre Aufgabe erfüllt. Das Umfüllen war eine Herausforderung, ich durfte den Duft der Creme nicht verändern. Aber es fiel wohl niemanden auf. Ich sagte nur „Ups“ und verließ das Haus. Ich konnte vorübergehend bei einer Freundin unterschlüpfen und verließ nach ein paar Tagen die Stadt zu meinem ersten Auftrag und wurde ein recht erfolgreiches Model. Ich schrieb meinem Onkel einen Brief und bedankte mich bei ihm und startete in mein neues Leben.

„Du wohnst wieder hier?“ Julia kam näher auf mich zu. Noch konnte ich flüchten, aber ich blieb tapfer stehen und rechnete mit allem.
„Ja, seit ein paar Monaten. Ich habe genug vom Rumreisen.“ Ich hielt weiter Blickkontakt mit ihr.
Wir standen uns jetzt direkt gegenüber und alles war so surreal.
„Komm, lass uns einen Kaffee trinken gehen? Hast du Zeit, Lust?“  sagte sie plötzlich, ich nickte überrascht und wir verließen gemeinsam das Kaufhaus.

Wir gingen ins „Zauberhaft“, damals und heute unser Lieblingscafé. Es war ruhig und schön weihnachtlich dekoriert. Wir bestellten Kaffee und sahen uns ungläubig an. Julia räusperte sich.
„Lass mich anfangen. Ich wollte nach dem Abi Modedesign studieren. Dann bin ich erstmal mit Bine nach Griechenland und später nach Spanien. Ich habe dort einen Österreicher kennengelernt und bin mit ihm nach Wien gezogen. Seine Eltern hatten ein Restaurant und ich habe dort eine Ausbildung gemacht. Nach fünf Jahren war Schluss und ich bin wieder nach Hause. Ich habe mich im Hotel „Wohlleben“ beworben und arbeite dort mittlerweile als Restaurantleiterin. Ich bin verheiratet, übrigens mit Robert, du erinnerst dich sicher an ihn und habe einen Sohn, Tom. Ich wohne im gleichen Viertel wie meine Eltern. Meine Mutter ist wie immer, du kennst sie ja. Papa ist vor 15 Jahren ausgezogen und lebt in der Schweiz mit einer neuen Frau. Ich bin zufrieden und meine Frisur gefällt mir.“ lachte sie trocken. Sie hatte feine Fältchen um die Augen und sah einfach großartig aus. Ich musste grinsen.
„Ich bin nach meinem Auszug bei euch nach Berlin und hatte mein erstes Fotoshooting. Danach gings Schlag auf Schlag. London, Rom, Paris, New York. Ich habe viel gearbeitet und viel erlebt. Es war wie in einer anderen Welt und leider auch sehr oberflächlich. Ich hatte ein paar Beziehungen, momentan bin ich ohne Partner. Ich habe mir hier am Stadtrand ein kleines Haus gekauft. Ich habe zwei Katzen und einen Hund und will einfach nur zur Ruhe kommen. Ich arbeite freiberuflich in der Agentur, die mich entdeckt hatte als Bildbearbeiterin.“  beendete ich meinen Bericht.
„Du bist aus der Oberflächlichkeit meiner Familie in die nächste gerutscht und ich entschied mich für ein doch recht konservatives Leben. Ist das nicht verrückt?“ Julia schüttelte den Kopf und ich stimmte ihr zu. Wir beide hatten die Rollen vertauscht.
„Hör mal Tina, wir haben uns getroffen und wir reden zusammen wie normale Menschen. Das ist kein Zufall meinst du nicht? Wir sollten es als Chance sehen. Hast du Weihnachten schon was vor? Ich liebe es zu kochen und Weihnachten ist mir sehr wichtig mit der Familie. Willst du nicht mit uns feiern?“ Julia schaute mich fragend an. Sie meinte es ernst und ich sagte zu. Wir tauschten unsere Nummern und als wir das Lokal verließen konnte ich mir es nicht verkneifen.
„Du hast Robert Wenger geheiratet? Ich kanns nicht glauben.“ Robert war ein netter, stiller Typ, der Julia anhimmelte seit ich denke konnte und sie hatte ihn nur verachtet.
„Er ist das beste was mir passieren konnte in meinem Leben“ sagte sie stolz.

 Als ich zu Hause freudig von meinen Tieren begrüßt wurde setzte ich mich erstmal auf mein Sofa und begann mein Erlebnis zu verdauen. Julia war wieder in mein Leben getreten und wir haben das erste Mal ein vernünftiges Gespräch geführt. Sie war so ernsthaft geworden und sehr sympathisch. Ich freute mich fast auf das Treffen mit ihr und der Familie. Es war spannend und aufregend. Es war eine Chance? Vielleicht ja. Weihnachten war perfekt dafür und ich war grundsätzlich ein verzeihender Mensch. Ich vermisste auch eine Familie, immer wieder und immer noch.

Am späten Nachmittag des Heiligen Abend klingelte ich mit Herzklopfen an der Türe des schicken Einfamilienhauses und Julia machte auf mit erhitztem Gesicht und bunter Schürze. Sie wedelte mit der Hand.
„Komm rein, schön, dass du pünktlich bist, es gibt gleich Essen. Tom will immer danach die Bescherung“.
Sie führte mich in ein gemütliches Wohnzimmer mit Christbaum und festlich gedeckter Tafel. Robert, sehr angenehm und gut aussehend, lachte und drückte mich herzlich, er fand die ganze Situation köstlich und freute sich wirklich mich zu sehen. Der achtjährige Tom war ein netter kleiner Kerl mit blonden Strubbelhaaren. Meine Tante, gealtert mit ordentlicher Nachhilfe im Gesicht kam aus der Küche und auch sie umarmte mich. Ich drückte sie ebenfalls und meine Augen füllten sich mit Tränen. Ich vergab und mir wurde vergeben, das fühlte ich.

Wir verbrachten einen schönen Abend zusammen. Ich erfuhr vieles und erzählte aus meinem Leben und mir wurde zugehört. So hätte ich es mir all die Jahre gewünschte, dachte ich und jetzt passierte es. Einfach so.

Nach Mitternacht wollte ich mich verabschieden, aber Julia hielt mich zurück. Der Rest der Familie hatte sich schon verabschiedet und wir beide setzten uns zum Christbaum und schauten in die funkelnde Farbenpracht.
„Danke, dass du heute gekommen bist. Ich weiß es zu schätzen und auch Mama ist glücklich. Wir haben dich, außer Papa, nicht nett behandelt. Ich möchte mich entschuldigen bei dir. Nein, lass mich ausreden. Ich wollte dir oft schreiben, ich googelte dich regelmäßig und hab dein Leben verfolgt, deine Fotos angeschaut. Als du gegangen bist wusste ich was ich dir angetan hatte. Ich hatte es verdient, obwohl es wirklich heftig für mich war. Die erste Zeit mit Perücke und Kopftüchern war nicht schön, als die ersten Stoppeln kamen wurde es leichter. Mit meinen Haaren wuchs auch mein Verstand und ich machte echt eine Wandlung durch. Ich sortierte meinen Freundeskreis neu und wurde ein netterer Mensch. Mein Leben hat genau deswegen diese Richtung genommen und das war auch dein Verdienst, dass es mir jetzt so gut geht. Klingt das sehr kitschig?“ Julia strich ihren Rock glatt und sah mich an.
„Nein, ist es nicht, weil ich es spüren und sehen kann. Ich habe mir so oft gewünscht, dass wir uns wieder mal begegnen. Bestimmt bin ich auch deswegen wieder hierhergezogen. Ich wollte dir und deiner Familie noch so viel sagen. Es ist einfach alles schief gegangen damals. Ich habe dir was Schlimmes angetan, es tut mir entsetzlich leid, das musst du mir glauben“.
Wir umarmten uns vorsichtig. Es war still im Raum, nur die Kerzen knisterten.
„Ich habe noch was für dich“, sagte Julia und zog ein kleines verstecktes Päckchen unter dem Christbaum hervor. „Ich wollte es dir allein geben, nur ein kleines Geschenk.“ Sie überreichte es mir. Ich holte meine Handtasche vom Sofa und gab ihr mein Geschenk. Ich hatte es gestern noch schnell gekauft, für alle Fälle.
„Das ist für dich, ich hoffe es gefällt dir.“ Ich übergab es ihr. Wir sahen uns an und dann zerrissen wir die Verpackungen auf wie wir es früher als Kinder gemacht hatten und als wir sahen was wir uns schenkten kam endlich der erlösende Moment.

Wir kreischten los und hielten uns in den Armen und konnten nicht mehr aufhören zu lachen. Wir hatten uns gegenseitig eine Haarkur geschenkt. Fast identisch, herrlich duftend und pflegend mit langer Einwirkzeit.

„Du weißt, dass ich sie nie hernehmen werde. Sie kommt auf meinen Schreibtisch als Andenken.“ lachte ich und Julia stimmt mit ein.
„Vielleicht besser so,“ sagte sie verschmitzt, „meine kommt auch auf meinen Schreibtisch und da bleibt sie. Hoffentlich für immer?“ Sie sah mich mit ihren blauen Augen fragend an.
„Ja für immer. „sagte ich laut und das meinte ich auch so.

 

Mein Kind, glaube, liebe und hoffe

Laura liebte Weihnachten. Sie fuhr über die Feiertage von der Großstadt aufs Land und besuchte ihre Eltern. Es gab einen wunderbaren Christbaum, selbstgebackene Plätzchen und einen Festtagsbraten.
Am Heiligen Abend feierte die Familie im kleinen Kreis, am ersten Weihnachtsfeiertag kam dann Lauras Freund dazu und ihre Tante. Besonders freute sich Laura, dass ihre hochbetagte Großmutter auch mitfeiern konnte. Sie wurde einen Tag vor Weihnachten aus dem Pflegeheim abgeholt und nach den Feiertagen wieder zurückgebracht. Die Oma war gebrechlich aber noch bei sehr klarem Verstand. Ihre kleinen süffisanten Kommentare brachten ihre Enkelin immer wieder zum Schmunzeln. Man konnte sich sehr gut mir ihr unterhalten und die alte Dame war immer noch sehr interessiert und informiert. Sie hatte schlohweißes Haar und verschmitzte blaue Augen.
Als Laura sie umarmte spürte sie jeden Knochen der alten Frau. Sie wurde auf einen bequemen Lehnstuhl gesetzt und dirigierte die gesamte Familie von dort aus durch die Feiertage. Hauskatze Kitty setzte sich allzu gerne auf den Schoß der Oma und schnurrte vor sich hin.
Es war heimelig, gemütlich und festlich und Laura genoss diese Stimmung in vollen Zügen.
Als die Familie am Heiligen Abend gegessen hatte, wurde der Christbaum erleuchtet, gesungen und kleine Geschenke verteilt. Später gab es Rumpunsch und alle redeten und lachten bis nach Mitternacht.

Später telefonierte Laura noch kurz mit ihrem Freund und ging dann mit Kitty in ihr Jugendzimmer und legte sich müde in ihr altes Bett. Nach einer halben Stunde kratzte Kitty an die Tür, welche Laura versehentlich zu gemacht hatte. Die Katze wollte wohl ihren Rundgang ums Haus machen. Laura ließ sie raus und hörte ein leichtes Husten im Wohnzimmer. Leise schlich sie durch den Flur. Die Oma saß immer noch in ihrem Lehnstuhl mit einer Wolldecke um die Beine. Kitty war auf ihren Schoß gesprungen und rollte sich dort ein.
„Oma, was machst du denn noch hier? Willst du nicht ins Bett?“ fragte Laura überrascht.
„Ach Kind, schau wie schön es hier ist, der wunderbare Baum, ich schwelge in Gedanken. Alles ist gut mein Schatz, ich werde hier schlafen“ sagte die alte Dame resolut.
Laura setzte sich ihrer Oma zu Füssen. Diese war stur, wie immer und duldete keine Widerrede.
Beide bewunderten eine Weile den geschmückten Baum. Das Holz im Kamin knisterte.
„Diese roten Kugeln da, siehst du sie, die hat mir dein Opa geschenkt, als wir 2 Jahre verheiratet waren. Ich liebe Glaskugeln und diese sind besonders schön. Wir mochten beide Weihnachten und hatten immer versucht einen ordentlichen Christbaum zu haben, bei aller Not, die sonst herrschte“.
Laura wusste, dass die Oma ihrer Tochter ihren wohlgehüteten Weihnachtsschmuck übergeben hatte, bevor sie ins Heim musste.
„Oma, wenn du dein Leben nochmal leben könntest, was würdest du alles anders machen?“
„Ich würde meine Zähne besser pflegen“, sagte die Oma und Laura musste lachen.
„Ach, wahrscheinlich habe ich mir immer zu viele Gedanken gemacht für nichts. Ich habe den Krieg überlebt, meinen Johann geheiratet und meine Tochter bekommen. Das Geld hat hinten und vorne nicht gereicht und wir mussten auf vieles verzichten. Ich wollte aber auch nie nach den Sternen greifen. Die meisten meiner Ängste sind nicht eingetroffen und trotz aller Sorgen ist es doch im Laufe der Jahre immer besser geworden. Ich hatte ein gutes Leben und wenn es vorbei ist, dann bereue ich nichts.“
„Das ist doch schön. Hast du Angst vor dem Tod und denkst du es geht danach weiter irgendwie?“ Laura sah zu ihrer Oma und diese lächelte vor sich hin.
„Vor dem Tod habe ich keine Angst. Vor dem Sterben eher, ich hoffe, dass es schnell geht. Wehe ihr macht eine öde Trauerfeier für mich. Ihr sollt eine Party schmeißen und lachen und trinken, das müsst ihr mir versprechen!“

Laura schüttelte den Kopf. „Oma, du immer. Aber wenn du es so willst, dann machen wir das. Dein Wunsch ist Befehl“.
„Ich bitte darum. Zu deiner anderen Frage. Als Christin müsste ich jetzt sagen, ja es gibt ein Leben nach dem Tod. Ob ich auf einer Wolke sitzen werde oder im Paradies wandle, ich weiß es nicht. Alles ist möglich oder auch nichts. Am liebsten würde ich mein Leben nochmal träumen dürfen. Oder Zeitreisende sein. Ich würde überall hinfliegen in die Vergangenheit und Zukunft und mir alles anschauen was war und noch kommen wird. Vielleicht sind die Toten auch erstmal nur tot und Gott wird uns alle aufwecken und uns gehörig den Kopf waschen. Verdient hätten wir es“.

Laura streichelte Kitty nachdenklich über das weiße Köpfchen.
„Ich habe schon Angst vor der Zukunft. Alles geht den Bach runter. Die Pandemie, die Umweltverschmutzung, der Klimawandel. Überall Bedrohungen. Irgendwie macht nichts mehr so richtig Spaß und ich habe bei allem was ich mache ein schlechtes Gewissen.“
Oma fasste Laura unters Kinn und sah ihr dabei fest in die Augen.
„Laura, ich verstehe deine Ängste und wir alle gehen wirklich nicht nett um mit unserer Erde. Eure Generation braucht sehr viel Mut die Dinge in die Hand zu nehmen und es vielleicht besser zu machen. Schau, wir wissen alle nicht, warum wir hier sind und was der Sinn darin ist und welche Aufgabe wir eigentlich hier haben. Glaube, Liebe, Hoffnung. Das ist das wichtigste im Leben, mein Kind. Glaube an das, was dir am meisten hilft und es wird dich durch dein Leben tragen. Liebe dich selbst und liebe die Menschen die dir guttun und höre niemals auf zu hoffen, hörst du? Niemals. Die Hoffnung ist ein Anker, der dich hält bei allen Stürmen die auf dich zukommen werden und das werden viele sein. Jede Generation hat ihre Kriege und trotzdem geht es weiter. Wenn du selbst mal eine Oma bist, dann möchte ich, dass du deinen Enkeln genau das gleiche sagst, denn es wird genauso passend sein wie jetzt, weil wir alle Menschen sind und leider auch immer menschlich handeln werden. Der eine versteht es besser, der andere schlechter. Das allein ist unsere Schuld, nicht mehr und nicht weniger.“
Laura umarmte ihre Oma. Sie spürte, dass die alte Frau langsam müde wurde.
„Ich danke dir für das schöne Gespräch und ich freue mich so, dich zu kennen und bei mir zu haben. Ich gehe jetzt ins Bett und morgen gibt es ein Festessen und wir lassen es richtig krachen.
Ich habe dich sehr lieb.“
„Genauso machen wir das, mein Schatz, schlaf gut und bis morgen“.
Laura gab der Oma noch einen Kuss auf die faltige Wange und streichelte nochmal Kitty, die fest schlief.
Sie ging leise zurück in ihr Zimmer und legte sich ins Bett.
Sein Leben nochmal träumen dürfen. Glaube, Liebe und Hoffnung.
Laura war sehr dankbar für diese Unterhaltung, die sie mit ihrer Oma führen durfte in dieser stillen Nacht und sie schlief ein mit mehr Zuversicht im Herzen.