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Der Weihnachtsgewinn

 „Bin gleich wieder da Schatz, ich hol nur schnell die Fernsehzeitung und wünsche den Lehmanns schöne Feiertage“. Ich winkte meinem Mann in der Küche zu, der schon den Lachs für heute  Abend zubereitete. Ich schnappte mir meinen Mantel und die Hundeleine und schnalzte unserer Mischlingshündin Lara zu. Sie lief schwanzwedelnd vor mir ins Treppenhaus und wir verließen gemeinsam das Haus.
Ich liebte diese Stimmung. Es war Heiliger Abend, früher Nachmittag und es war alles erledigt. Wohnung geputzt, der Baum geschmückt. Mein Mann und ich würden mit Lara einen gemütlichen Weihnachtsabend und ruhige Feiertage verbringen. Vielleicht ein paar Freunde treffen, aber sonst hatten wir Urlaub und nichts vor bis Sylvester.
Es hatte etwas geschneit und es lag ein wunderbarer Zauber in der Luft.

Ich wollte noch schnell in das kleine Schreibwarengeschäft gehen und ein wenig mit dem alten Ehepaar Lehmann plaudern. Die beiden standen seit Jahrzenten in ihrem kleinen Laden und waren mittlerweile Treffpunkt für jung und alt in unserem Viertel. Eigentlich eine Rarität heutzutage.

Ich befahl Lara schön brav draußen zu warten und drückte die kleine Ladentüre auf. Mich umfing gleich der bekannte Geruch nach Papier, Süßigkeiten und Zimtaroma.

 „Grüße sie Frau Beck, schön dass sie noch vorbei kommen.“ freute sich Frau Lehmann und strahlte mich an. Sie war eine kleine rundliche Frau mit grauen Haaren, Brille und einem herzlichen Lächeln im faltigen Gesicht. Ihr Mann saß hinter der Theke auf einen Stuhl. Hr. Lehmann war dünn, groß und sein krummer Rücken machte ihm ständig zu schaffen und er wurde immer mehr dement. Eine große Hilfe war er seiner Frau schon lange nicht mehr und er sprach auch kaum mehr ein Wort. Es war einfach nur traurig.
Zwei alte Menschen die schon längst im Ruhestand sein sollten, es sich aber nicht leisten konnten obwohl sie mehr als vierzig Jahre geschuftet hatten, ging mir durch den Kopf. Mein Mann und ich, alle in der Umgebung wussten, dass die beiden von ihrer kleinen Rente nicht leben konnten und deshalb das Geschäft nicht aufgaben. Ich hatte die beiden schon lange in mein Herz geschlossen.
Ich lächelte zurück: „Ich wünsche ihnen beiden wunderbare Weihnachten und hoffentlich geruhsame Feiertage“ sagte ich fröhlich. Frau Lehmann drückte mir schon meine Fernsehzeitung in die Hand. „Das wünschen wir ihnen auch und genießen sie ihre Feiertage, gell Klaus?“ rief die alte Dame ihrem Mann zu. Der nickte und winkte zu mir rüber. Ich zahlte meine Zeitung und da sah ich eine kleine Lostrommel auf dem Tresen stehen. Ein paar Lose waren noch drin. „Ich nehm mir noch eins, vielleicht ist ja noch eine Weihnachtsüberraschung drin.“ Ich zog ein Los raus.“Ich mache es heute unter dem Christbaum auf, dann hab ich noch ein Geschenk auf was ich mich freuen kann“. Ich wollte zahlen, aber Frau Lehmann legte ihre kleine Hand auf meine. „Das ist mein Geschenk für ihre Treue alle die Jahre und viel Glück“. Sie freute sich so, dass ich dankend annahm. Wir umarmten uns noch und ich verließ mit vielen Winken den kleinen Laden.

Schnell liefen Lara und ich nach Hause und dann wurde es doch noch etwas hektisch mit Kochen, Umziehen und Kerzen anzünden. Nach einem wunderbaren Mahl setzten wir uns zum Christbaum und bescherten uns. Ralf und ich schenkten uns nur Kleinigkeiten und Lara bekam einen herrlichen Beißknochen. Plötzlich fiel mir das Los ein. Ich lief in die Garderobe und zog es aus der Manteltasche.

 Das hat mir Frau Lehmann heute geschenkt. Sie sah so glücklich aus, dass ich nicht nein sagen konnte.“ erzählte ich Ralf. „Dann mach es auf, deine Niete“ lachte er. Ich riss es auf und starrte auf den Beleg.
Ich hatte 5.000 Euro gewonnen. „Das gibt es doch nicht“, sagte ich völlig baff. Mir wurde heiß und kalt und ich fühlte mich plötzlich furchtbar. Ralf und ich waren gesegnet. Wir hatten beide unsere Berufe, immer gespart, eigene Wohnung, was auf der hohen Kante und geerbt. Es ging uns mehr als gut.

„Jetzt hast du ein schlechtes Gewissen weil gerade du so viel Geld gewonnen hast und nicht irgendein armes Geschöpf, stimmt‘s mein Schatz?“ Mein Mann verstand mich natürlich sofort.
„Ja und ich werde den Gewinn auch nicht behalten. Ich weiß auch schon wem ich es gebe“ sagte ich bestimmt. „Dann lass uns doch noch einen kleinen Spaziergang machen?“ grinste mein Mann und ich gab ihm einen dicken Kuss. Wir waren halt doch vom selben Stern.

 Zusammen mit Lara stapften wir durch die stille Winternacht und liefen direkt zum kleinen Schreibladen der Lehmanns. Dahinter wohnte das alte Ehepaar in einer kleinen Einliegerwohnung.  Es brannte Licht. Ich nahm das goldene Kuvert, in welchem das Glückslos lag und legte es auf die Fußmatte und klingelte. Wir rannten Hand in Hand nach Hause, Lara tollte vor uns her und wir freuten uns wie kleine Kinder.

Wir wussten natürlich, dass die Lehmanns das Geschenk bestimmt nicht annehmen würden.

Wir waren vorbereitet. Am nächsten Vormittag des ersten Weihnachtsfeiertages klingelte es bei uns und ich sah im Spion die beiden alten Leute stehen. Ich öffnete und musste einfach lachen. „Bitte kommen sie rein, wir haben sie schon erwartet“ überfiel ich die beiden und ich führte sie ins Wohnzimmer zum gedeckten Tisch. Mein Mann begrüßte sie herzlich und wir setzten uns alle an den Esstisch.
Frau Lehmann hielt zitternd das Glücklos in der Hand.

„Bitte lassen sie mich was sagen“ fing ich gleich an, mein Herz klopfte aufgeregt.“ Sie kommen um das Los zurück zu geben. Sie werden sagen, dass es mein Gewinn ist und es ist ihnen unangenehm und peinlich, aber lassen sie mich ausreden. Wir haben sofort entschieden, dass niemand anderer als sie beide den Gewinn verdient haben, auch wenn sie mir das Los nicht geschenkt hätten, hätte ich mich so entschieden. Wir wissen, dass sie noch nie im Urlaub waren, krank im Laden stehen, täglich Schmerzen haben und auf vieles verzichten. Sie beide haben all die Jahre so viel entbehrt und waren trotzdem tagtäglich freundlich, hilfsbereit und großzügig zu uns allen und es ist uns ein Herzenswunsch ihnen das Los zu überreichen. Bitte nehmen sie es an, machen sie uns bitte die Freude. Es ist doch Weihnachten“.

Frau Lehmann stand auf und kam zu mir. „ Du gutes Kind“, sagte die alte Dame und streichelte mir die Wange. „Was sollen wir sagen, uns fehlen die Worte. Wir können nur danke sagen und werden dieses mehr als großzügige Weihnachtsgeschenk sinnvoll einsetzen, nicht war Klaus? Wir kaufen dir als erstes einen bequemen Fernsehsessel“. Hr. Lehmann nickte eifrig, er hatte sicher nicht alles verstanden aber ihm liefen die Tränen über die eingefallenen Wangen und er sagte plötzlich leise „Danke“.
Ich lief zu ihm und drückte ihn ganz fest an mich.

Wir verbrachten einen wunderbaren Feiertag mit den beiden und ich fühlte eine unendliche Freude in mir, denn jemanden etwas schenken ist das größte Glück besonders zur Weihnachtszeit.

Ich hatte wirklich das große Los gezogen

 

 

Kling Glöckchen Tschilp Tschilp Tschilp

Helle Aufregung in der Familie am Weihnachtstag. Mama und Papa begrüßten gerade Oma und Opa die zum Feste kamen, als die fünfjährige Luna ihrem Kanarienvogel Tschilp noch schnell eine Apfelspalte in den Käfig legen wollte. Tschilp huschte durch die offene Käfigtüre an ihren kleinen Händen vorbei und flog Richtung Fenster, welches gerade noch zum Lüften geöffnet war.

Luna schrie wie am Spieß und rannte in den Flur und die ganze Familie war plötzlich hysterisch.

Alle redeten aufgeregt durcheinander bis langsam klar wurde was genau passiert war. Luna stand zitternd zwischen den Erwachsenen, in ihrem blauem Samtkleid, den Lackschuhen  und den blonden Zöpfchen und heulte wie ein Schlosshund.

Papa: Mensch Luna, ich hab dir schon so oft gesagt, mach den Käfig nicht alleine auf. Dann ist auch noch das Fenster offen. Herrgott noch mal und das am Heiligen Abend.

Opa: Nana, jetzt setzen wir uns erst mal alle zum Christbaum und beruhigen uns. Tschilp wird es sicher draußen zu kalt werden und er kommt von alleine wieder zurück.

Oma: Luna, meine Süße, vielleicht ist Tschilp gar nicht rausgeflogen, wir suchen in Ruhe nach ihm aber jetzt kommt doch bald das Christkind.

Mama: Luna, beruhige dich. Wir setzen uns jetzt erst mal alle hin und dann überlegen wir, wo Tschilp sich versteckt haben könnte.

Die Erwachsenen warfen sich über Lunas Kopf verzweifelte Blicke zu.
Ausgerechnet zu Weihnachten flog der Kanarie weg.
Vielleicht ist er doch nicht aus dem Fenster raus, Luna war ja vorher schon in den Flur gerannt. Das arme Kind, ob die Geschenke sie jetzt noch trösten können?
Sie liebt Tschilp doch so sehr.
Wir suchen ihn, am besten gleich, es nutzt nichts, alles andere muss warten.
Auch das Christkind.

Kein Tschilp in der Küche, im Wohnzimmer, auf dem Balkon, nirgends, er konnte weiß Gott wo sein. Entweder entflogen und jämmerlich erfrierend oder verschreckt hinter der Schrankwand. Himmel nochmal.

Danach begab sich die Familie geknickt an den festlichen Esstisch. Daneben stand der Christbaum herrlich geschmückt und wartete auf seinen großen Auftritt.

Mama tischte das feine Essen auf und jeder tat so als ob es ihm schmeckte.  Mittendrin Luna mit tränenverschmierten Wangen und leisen Schluchzern. Die Oma und Mama räumten den Tisch ab und brachten Plätzchen und Getränke. Jetzt sollte doch das Christkind kommen.
Ich will keine Geschenke, ich will Tschilp wieder haben, jammerte Luna.

Komm geh jetzt in die Küche, das Christkind will jetzt kommen und es hat heut viel zu tun,
sagte der Papa. 
Luna wartete in der Küche mit gesengtem Kopf. Sie war untröstlich. Plötzlich wollte sie überhaupt nichts mehr. Es war alles ihre Schuld.Dann bimmelte das Glöckchen. Luna trottete zurück ins Wohnzimmer. Da lagen die vielen Geschenke, der Christbaum leuchtete wunderbar und Lunas kleines Herz zog sich zusammen.

Die  Familie wollte tapfer „Kling Glöckchen“ singen so wie jedes Jahr. Sie begannen etwas holperig, aber was war das? Ein zartes Zwitschern aus dem Christbaum, ganz leise, aber alle hatten es gehört, mischte sich in ihren Gesang.

Tschilp, schrie Luna voller Freude.

Die Familie schaute durch die strahlende Lichterkette, die leuchtenden Glaskugeln, ganz hinten im dicken Grün der Tanne saß Tschilp und äugte frech heraus. Der hatte sich die ganze Zeit still gehalten der kleine Piepmatz. Hielt wohl ein Nickerchen im duftenden Tann.

Papa griff sich sanft das kleine Vögelchen und  streichelte ihm das gelbe Köpfchen. Schnell wurde Tschilp in seinen Käfig gebracht und er ließ sich gleich die Apfelspalte von Luna schmecken.

Die Oma streichelte die Wangen ihrer Enkelin.
Gell Luna, meistens ist das was wir bereits haben viel wertvoller, als dass, was wir noch bekommen werden.

Da war sie wieder, die wonnige Weihnachtsfreude in Lunas Augen und ihre Familie und sie konnten jetzt glücklich und erleichtert ihren Heiligen Abend feiern.

 

Familienweihnachtswünsche

 „Alle mal herhören“ Ich ging ins Wohnzimmer wo mein Mann Martin, unsere vierzehnjährige Tochter Lisa und unser siebzehnjähriger Sohn Jonas auf dem Sofa lümmelten und in ihre Smartphones starrten.

 „Morgen ist heiliger Abend und ich habe noch ein Anliegen. Nach der Bescherung möchte ich, dass wir uns gemütlich an den Tisch setzen und jeder überlegt sich noch einen Wunsch den er sich von der Familie wünscht. Ich hab mir ja schon eben was gewünscht“. Ich lächelte tapfer. Mein Mann grinste mich an, Lisa verdrehte ihre schwarz umrahmten Augen und Jonas schaute erst gar nicht auf.

 „Also überlegt euch was und ich freue mich übrigens auf Weihnachten“ fügte ich noch hinzu, falls es noch keinem aufgefallen war und das es für morgen noch eine Menge zu tun gab.

 Später im Schlafzimmer zog Martin mich zu sich und küsste mich auf die Stirn. „ Wir helfen morgen alle zusammen und lass es einfach laufen, wir kriegen schon einen Heiligen Abend als Familie hin. Jetzt muss ich mir noch überlegen was ich mir wünsche“ überlegte er.
„Ich möchte damit erreichen, dass die Gören nach der Bescherung nicht gleich wieder abhauen.“ gähnte ich müde. Wir küssten uns und machten das Licht aus.

 Am Weihnachtstag stellten Martin und ich den Christbaum auf, Lisa schmückte ihn und Jonas half mir beim Kartoffelsalat zum Fisch, so war der Plan und es lief auch erstaunlich harmonisch und friedlich ab.
Später nach dem Essen gab‘s die Geschenke unter dem herrlichen Christbaum und dann setzten wir uns alle mit unserem Punsch und Plätzchen an den Esstisch. Ich zündete noch eine hübsche goldene Kerze an.

 „So, jetzt mal her mit den Familienwünschen. Lisa du fängst an“ strahlte ich meine pubertierende Tochter ermutigend  an. Sie hatte zur Feier des Tages schwarzen Lippenstift aufgetragen und schaute mich missmutig an.
Da sie ihre teuren Reitstunden geschenkt bekam riss sich zumindest etwas zusammen. Sie konnte wirklich fürchterliche Laune haben und war oft wie ein Stockfisch.
 „Ich wünsche mir, dass wir mehr vegetarisch essen. Ich kann das Tierleid nicht mehr ertragen. Papa und du, ihr kommt immer strahlend mit eurem Billigfleisch heim, wie Schnäppchenjäger, Aber das ein Tier qualvoll gelitten hat, das seht ihr nicht“. In ihren Augen schwammen Tränen.

 Mit sowas  hatte ich nun gar nicht gerechnet.  Es stimmte schon, Martin und ich kauften gerne Sonderangebote und machten uns wenig Gedanken woher das Fleisch kam.
 „Du hast Recht mein Schatz“, ich griff nach ihrer kleinen Hand mit den abgekauten schwarz lackierten Fingernägeln. „ Wir sollten wirklich etwas „anständiger“ essen.
Und es muss auch nicht jeden Tag Wurst oder Fleisch auf den Tisch. Das schadet uns allen nicht“.

Jonas verdrehte die Augen aber er hielt sich zurück.
 „Hier gibt es doch diesen Biohof im nächsten Dorf, wir könnten da mal hinfahren. Vielleicht wäre das ein guter Anfang?“ Mein Mann zwinkerte Lisa zu und schenkte ihr einen Luftkuss.

 Lisa nickte und ich schämte mich etwas. Martin und ich hielten zwar nicht viel von der Bioverarsche aber ich fand es schön, dass unsere Tochter ein gutes Herz hat und sich Gedanken machte. Auch eine Gelegenheit wieder mehr zusammen zu machen, hoffte ich.

 „Jetzt du Papa“ sagte Lisa.
„Mehr Sex“ grinste unser Sohn frech.
„Jonas“ rief ich entsetzt und wurde knallrot.
„Keine Sorge“ lachte mein Mann, „bin zufrieden“.
Martin und ich kannten uns seit 25 Jahren und wir waren stolz, dass wir durch alle Höhen und Tiefen eines Ehelebens geschlittert waren ohne auszurutschen. Ich liebte meine Mann sehr und er mich.
Die Kinder waren unser größtes Glück, auch wenn sie uns oft an dem Rande der Verzweiflung brachten. Er schaute streng in die Runde.
„Also, ich wünsche mir, dass wir es zumindest einmal am Wochenende hinkriegen zusammen zu frühstücken, gerne auch Brunchen mit vegetarischen Aufstrichen. Damit das halbwegs funktioniert erstelle ich eine Familien-Brunch-Whatsapp-Gruppe. Ich erinnere dann mit Termin. 11.00 Uhr ist eine faire Zeit, dass solltet ihr doch hinkriegen“.
Es war ein ewiges Thema bei uns. Ich wusste, dass Martin großen Wert auf gemeinsame Mahlzeiten legte. Die Kinder kriegten ihre Hintern nicht aus den Betten, kamen irgendwann mittags runter in die Küche und verschwanden wieder mit einem Brot in der Hand. Unter der Woche klappte es auch nur bedingt, jeder stopfte sich irgendwas rein. Ich hatte oft Schicht im Krankenhaus und Martin kam spät aus dem Büro. Es war ziemlich jämmerlich bei uns und der Kühlschrank war auch noch bis oben hin voll mit unglücklichem Fleisch und Wurst.

 „Sehr gute Idee“ sagte ich bestimmt. Die Gören nickten gnädig. Ich war froh, dass Martin seinen Wunsch gleich technisch geschickt verpackt hatte. Unsere Kinder schauten ständig auf ihre Handys, da gibt’s dann keine Ausreden. Ein Versuch war es wert.

 Alle sahen wir zu Jonas. Unser Sohn war ein typischer Wohlstandsjüngling, frech, lässig und er war eigentlich auch ein passabler Schüler. Viel wussten wir nicht mehr über ihn aber er kam jeden Abend zum Schlafen nach Hause.

 „Ich wünsche mir, dass Leon eine Zeit bei uns hausen kann. Ihr kennt ja seine Eltern, die vollen Freaks. Ich ziehe auch gerne in den Keller, aber Leo muss raus, sonst geht er drauf. Muss ja nicht für lange sein.“

 Wir kannten das Familiendrama bei Jonas bestem Freund. Der Vater Alkoholiker, die Mutter hilflos, ständige Streitereien und Gleichgültigkeit dem Kind gegenüber. Leon war eigentlich seit er ein Kindergartenkind war mehr bei uns als bei sich zu Hause. Der Junge war ok, er war ein guter Schüler und wir hatten auch nichts gegen ihn. Aber gleich bei uns einziehen?

 Trotzdem überraschte mich auch mein Sohn. Er würde sogar sein Zimmer räumen um seinem Freund zu helfen. Mein Mutterherz begann überzulaufen. Martin schaute zu mir und verstand mich auch ohne Worte.

 „ Wir müssen das natürlich noch besprechen auch mit Leons Eltern. Dann können wir es ausprobieren. Aber er muss im Haushalt helfen und unsere Regeln einhalten. Wenn es nicht klappt, muss er wieder ausziehen.“ sagte Martin und ich nickte zustimmend.

 „Du musst ihn dann auch in die Whatsapp-Gruppe mit aufnehmen, Papa. Das Aufstehen gilt dann auch für ihn“. Lisa freute sich. Sie hatte schon immer eine Schwäche für den Freund ihres Bruders.

 Wir sahen uns alle an. Wir hatten es wirklich geschafft eine Weile gemeinsam am Tisch zu sitzen und jeder hatte ein Anliegen das ihm auf dem Herzen lag ausgesprochen. Ich war stolz und glücklich, für mich ein gelungener Weihnachtsabend.

 „Jetzt hab ich doch auch noch einen Wunsch. Ich würde gerne Mensch-Ärgere-Dich-nicht“ spielen. Einfach so, weil es gerade so schön gemütlich ist mit euch“ lachte ich ohne es ernst zu meinen. Ich hatte einfach gute Laune.

 „Oh ja, das wird sicher lustig, Papa verliert ja  immer so ungern“. Lisa rannte freudig in den Keller, um das verwaiste Gesellschaftspiel zu suchen.
„Ich hol noch Plätzchen. Halleluja“. Jonas war schon Richtung Küche unterwegs.

 „Genieß es einfach mein Schatz“, Martin drückte mir die Hand. „ Sie können sich ruhig auch mal von einer netten Seite zeigen. Das war eine super Idee von dir. Ob wir gleich alles umsetzen können an Wünschen wird sich zeigen aber ich bin wirklich überrascht über unsere Kinder. Sie haben gute Seelen und denken auch an andere.“

 Ich nickte gerührt, küsste ihn und blieb ganz entspannt auf meinen Stuhl sitzen und genoss unseren Heiligen Familienabend.

 

 

Weihnachtsglück für sechzehn Pfoten

Ein eisiger Wind fuhr mir durch meine braunen langen Strähnen. Es war über Nacht bitterkalt geworden. Der Schnee fiel ohne Pause auf die einsame Strasse auf der ich entlang trottete. Schnell konnte ich nicht laufen, ich war hochschwanger und musste schleunigst eine Unterkunft finden. Meine Babys in meinen Bauch zappelten und ich musste kurz stehen bleiben und durchatmen.
Wie konnte das nur passieren? Mir, einer ausgewachsenen intelligenten Hündin mit schönem Fell und großen Augen, gewitzt und gescheit? Ich bewachte einen großen Hof, war zuverlässig und hörte aufs Wort. Die Menschen dort waren gleichgültig mir gegenüber aber ich bekam regelmäßig Futter und durfte mich den ganzen Tag frei bewegen. Nur zum Arzt brachten sie mich nicht und so kam ich eben in die fruchtbaren Jahre und fühlte mich plötzlich seltsam allein.

Auf den erstbesten Rumtreiber bin ich reingefallen, kastriert war er, so seine Aussage. Umgarnte mich und versprach mir „den vollen Napf“ auf ewig. Ich war verliebt und es kam wie es kommen musste. Kaum hatte das junge Glück zwischen uns begonnen war es auch schon wieder vorbei und er machte sich aus dem Staub. Die erste Zeit fühlte ich gar nichts, dann wusste ich, dass neues Leben in mir wuchs und ich freute mich wie wild. Tollte durch den Hof und jaulte was das Zeug hielt. Wurde langsam dicker und träger. Ich vertraute meinem Umfeld und sah mich in Gedanken mit meinen Kindern den Hof gemeinsam bewachen.

Meine Menschen aber sahen meiner seltsamen Veränderung nicht lange zu, ich wurde vom Hof verjagt und mit Steinen beschmissen. Ich verstand nicht was los war, kam zurück und wurde wieder verjagt. Traurig nahm ich Abschied von meiner alten Heimat und trottete einer ungewissen Zukunft entgegen.

Die vergangenen Tage waren hart, ich schlief in feuchten Gräben und fraß tot gefahrene Igel von der Straße, trank Wasser aus dreckigen vereisten Tümpeln. Die Kälte wurde immer schlimmer und eines Morgens lag der erste Schnee auf den trostlosen Feldern.

Langsam musste ich mir was einfallen lassen, mein Zustand verschlimmerte sich stündlich, meine Babys wollten auf die Welt, aber wollte die Welt meine Jungen und mich?

Die Straße zweigte in zwei Richtungen und mein Instinkt befahl mir nach links zu gehen. Ich lief entlang und kam durch einen dichten Wald. Der Schnee hing schwer und nass in den Tannen und es wurde dunkel.

Ich zwinkerte die weißen Flocken von meinen Augen und meinte in der Ferne ein Licht zu sehen. Es war keine Einbildung. Am Ende der Strasse stand ein Haus mit hell erleuchteten Fenstern. Das war meine Chance, ich durfte keine Zeit verlieren. Schnell lief ich auf das Gebäude zu. Zu meiner Freude stand hinter dem Haus eine große, schöne Scheune. Ich horchte und schlich mich langsam auf den sauberen Hof, in der Hoffnung irgendwie in die Scheune hinein zu gelangen. Ich staunte nicht schlecht, das Scheunentor war leicht geöffnet.

Vorsichtig schielte ich in das dunkle Gebäude hinein. Da lag viel helles Stroh und in einer Ecke stand ein großes schwarzes Pferd das mich staunend anschaute.
„Was willst du hier?“ fragte es mich mit tiefer Stimme.

„Ich brauche einen Schlafplatz für die Nacht, ich kann nicht mehr laufen“ hechelte ich und schob meinen Bauch etwas nach vorne.
„Ich sehe schon du bekommst Junge. Leg dich zu mir, hier ist frisches Heu.“ Das Pferd nickte mit dem Kopf und ich ging zu ihm. Erschöpft ließ ich mich nieder und wedelte dankbar mit dem Schwanz.
„Ich wurde von meinen Besitzern verjagt, sie wollten meinen Zustand nicht. Ich habe nichts mehr außer meinen Kindern, wenn sie gesund auf die Welt kommen“
„Soso das sagen sie alle wenn sie im Dreck sitzen“ schnurrte ein dicker roter Kater der plötzlich um die Ecke kam. Seine goldenen Augen funkelten mich strafend an. Er wusste dass ich ihm in meinem Zustand nicht gefährlich werden konnte, deshalb wohl seine freche Klappe.
„Lass sie“ wieherte das Pferd, „ sie hat viel durchgemacht“.
„Du hast recht“ sagte ich zu dem Kater der sich auf das Stroh zu uns legte. „Ich war naiv und wollte etwas für mich haben, das aber andere nicht wollen. Jetzt sitze ich ohne Herr und Hof da mit Kindern denen ich kein Heim bieten kann.“
„ Unser Herr hat dafür gesorgt dass ich keine Frau mehr in Schwierigkeiten bringen kann“ miaute der Kater. „Wer weiß für was es gut war“ grinste er neckisch unter seinen weißen Schnurhaaren.
„Hier ist alles so sauber und ordentlich, ein schönes Zuhause habt ihr hier“. Ich schaute mich staunend um.
„Der Hausherr ist sehr ordentlich und reinigt meine Box jeden Tag, wir haben wirklich Glück“ schnaubte das Pferd zufrieden.
Der Kater nickte und räkelte sich, dann begann er sich seine Pfoten zu lecken.

Plötzlich bekam ich heftige Bauchschmerzen, mein Laib drohte zu platzen. Ich jaulte auf und ergab mich dem ersten Krampf. „Es geht los, ich bekomme meine Babys“ jammerte ich.

„Du musst tief atmen und ruhig bleiben“, beruhigte mich das liebe Pferd.
„Pressen“ maunzte der Kater und machte einen kleinen Buckel.

Wer hätte das noch vor ein paar Tagen gedacht, da lag ich nun in einer Scheune und hatte zwei neue Freunde um mich rum, die mir halfen meine Kinder zu gebären und nach vielen Schmerzen, Krämpfen und aufmunternden Worten kamen auf einmal ein kleiner Zwerg nach dem anderen zur Welt.

Ich konnte mein Glück kaum fassen, drei süße und gesunde Babys lagen feucht und verschwitzt an meinem Bauch. Ihre kleinen Augen waren verklebt aber die tapsigen Pfötchen kamen schon in Bewegung und ich leckte ihnen vorsichtig das Fell sauber. Sie hatten alle ein braunes Fell wie ich, nur der kleinste hatte noch einen weißen Fleck auf der Brust. Sie sahen alle mir ähnlich und nicht ihrem Erzeuger, dachte ich erleichtert.

„Das hast du gut hinbekommen“ freute sich das Pferd und wieherte freudig.
Der rote Kater schnurrte begeistert.

Meine kleinen Racker quetschten sich auch gleich an mich und jeder schnappte sich eine Zitze. Ich war das perfekte Mutterglück.

Plötzlich wehte ein Windstoss die Scheunentür weit auf und ein Mann mit einem kleinen Mädchen an der Hand kam direkt auf uns zu. Der Mann hatte eine Laterne in der Hand und strahlte uns allen mitten ins Gesicht.
Sein Blick blieb starr und völlig ungläubig an mir und meiner Familie hängen.

„Papa schau doch, ein Hund mit lauter kleinen Babys. Ist das mein Weihnachtsgeschenk?“ Das kleine Mädchen lachte freudig und klatschte in die kleinen Hände. „Eigentlich nicht“, sagte der Mann leise „aber eine Überraschung ist das wirklich, eine gelungene würde ich sagen“.
Die große Hand des Mannes kam auf mich zu und ich duckte mich aus Angst, dass Schläge folgen würden. Aber was war das?
Er streichelte mir zart über meinen Kopf und dann nahm er vorsichtig Baby mit Fleck in seine großen Hände. „Das sind wirklich Weihnachtsgeschenke auf vier Pfoten“. Sachte legte er mein Kind zu mir zurück, „Weißt du Papa, ich habe letzte Woche dem Christkind geschrieben dass ich wieder einen Hund haben möchte, jetzt wo der Bello tot ist. Meinst du nicht wir könnten sie alle behalten, weil das Christkind uns doch jetzt gleich so viele Hunde geschenkt hat?“ Das Mädchen zupfte aufgeregt an der Jacke des Mannes.

 

Der Mann ging in die Hocke und sah uns alle lange an. Der rote Kater strich am Arm seines Herren entlang und schnurrte. Das Pferd schnaubte leise.

Sie wollten mir helfen, meine guten Freunde.

„Nun ich denke die Hündin für mich und ein kleines Hundebaby für dich, die anderen zwei kriegen wir bei Onkel und Tante unter, da geht es ihnen gut und sie können sich regelmäßig sehen“ Der Mann streichelte seiner glücklichen Tochter über das Haar.

„Jetzt lass uns Futter holen für alle und dann danken wir dem Christkind für dieses schöne Geschenk, die Mama wird uns das gar nicht glauben, sie vermisst uns sicher schon. Komm lass uns gehen, sie sind sicher alle sehr hungrig. Und den Christbaum willst du doch auch endlich sehen oder?“ Das Mädchen lächelte freudestrahlend ihrem Vater zu.

Sie gingen beide leise aus der Scheune.

„Du bist wirklich ein Glückshund, soviel Dusel muss man haben“ schnurrte der Kater. „Willkommen bei uns“ freute sich das Pferd und stampfte mit den Hufen auf.

Ich konnte nur ungläubig nicken und schaute glücklich auf meine Kinder. Wir wurden verstoßen und wieder aufgenommen. Wir hatten alle in einer Nacht Freunde und ein neues Zuhause gefunden.

Das alles in nur einer Nacht. Eine besondere Nacht, nahm ich an.

 

Lux und der Weihnachtswolf

Seit ich in der Stadt studierte, besuchte ich meine Familie regelmäßig alle paar Monate und natürlich zu den Feiertagen. Weihnachten wurde bei uns auf dem Bauernhof richtig traditionell gefeiert. Papa holte den Baum aus dem Wald, wir kochten die Tage richtig auf und sangen nach der Bescherung Weihnachtslieder. So der Plan, aber dieses Mal  kam eine kleine tierische Weihnachtsüberraschung  dazwischen.

Als ich am 24.12. Nachmittags zu Hause ankam, war alles dick verschneit und der heiße Kakao stand schon für mich bereit. Mama und Oma hatten Streuselkuchen gebacken und wir saßen am Esstisch und freuten uns auf die Feiertage. „Ganz schmal ist sie in der Stadt geworden“ begutachtete mich die Oma. Ich sah’s als Kompliment für meine Figur und drückte ihre faltige Hand. Der Christbaum stand schon wunderbar geschmückt im Wohnzimmer und wartete auf seinen großen Abend.

Besonders freute ich mich auch immer auf Lux, unsere Promenadenmischung. Er war eine Kreuzung zwischen Schäferhund und Labrador und er war der ängstlichste Hund auf dem Planeten.  Lux wollte nicht draußen schlafen, lag am liebsten mit im Bett oder darunter. Er meldete keine Besucher an, sondern schwänzelte freudig wenn ein Fremder den Hof betrat. „Wenn der Einbrecher kommt, sind wir alle verloren“ Papa hatte Lux bereits aufgegeben, er taugte auch nicht als Jagdhund. 
 
Er war mein Schmusebub. Ich liebte ihn über alles. Ich streichelte sein braunes Fell und seine treuherzigen Augen ließen mich dahin schmelzen. „Wir gehen dann noch Gassi, Lux, gleich wenn ich hier fertig bin“.  Ich freute mich auf einen ausgedehnten Spaziergang mit ihm durch den tiefen Schnee. „Wir haben angeblich einen Wolf in der Gegend. Gesehen hat ihn noch keiner aber es gibt eindeutige Spuren“. erzählte mir Mama.

„Echt, wow, find ich klasse. Das hat was Gruseliges“. Ich fand Wölfe super und würde zu gern mal einen sehen. Aus der Ferne wohl gemerkt. „Gell Lux, alter Junge du würdest mich schon beschützen“ Lux drückte sich mit seinem warmen Körper an mein Bein. Wir lachten alle.  „Verlass dich bloß nicht auf ihn“, meinte Papa mit Blick auf seinen treuen Hund. Lux stieß eine leises „Wuff“ als Bestätigung aus.

„Früher waren Hunde grundsätzlich draußen und an der Kette mit Hundehütte“. Die Oma hatte ihre klare Meinung dazu.

Wir räumten den Kaffeetisch ab und ich zog danach meine Winterjacke und Stiefel an und schnappte mir die Hundeleine. „Auf geht’s Luxi“ Ich schnalzte mit der Zunge. Er kam gleich angerannt und wir beide verließen das warme Haus und marschierten durch den Schnee Richtung Wald. Es war traumhaft. Mich erfasste ein friedliches Weihnachtsgefühl und mit Lux an meiner Seite stapfte ich freudig durch die verschneite Winterlandschaft. Ich schmiss ihm Schneebälle zu und wir tollten durch die weiße Pracht. Ich hoffte natürlich auf den Wolf, aber es war weit und breit nichts von ihm zu sehen. Ich rechnete auch nicht wirklich damit. Wölfe waren scheue Wesen.

Nach ausgiebigen Spielen und als wir schon Richtung Hof unterwegs waren, kniete ich mich zu Lux  runter und packte seinen großen Kopf in meine Hände.

„Lux, eins musst du mir noch versprechen. Bitte fang heute nicht zu jaulen an wenn wir singen, sonst fliegst du aus dem Haus, Weihnachten hin oder her“. mahnte ich ihn.

Unser Hund hatte noch eine etwas ungewöhnliche Vorliebe. Immer wenn er Gesang im Fernsehen, bei Mamas Musikabend mit ihren Landfrauen, usw. hörte, heulte er lautstark mit. Am Anfang fanden es alle witzig, aber nach einiger Zeit musste er aus dem Zimmer entfernt werden. Seine Ausdauer war unübertroffen und es klang einfach nur schauderlich.

Lux gab mir mit seiner feuchten Schnauze einen dicken Nasenstüber und stieß mich fast in den Schnee mit seinen Pfoten. Ich knubbelte ihn und als wir zurück in die warme Stube kamen war alles schon für das Abendessen vorbereitet.

Wir ließen uns die Würstel mit Kartoffelsalat schmecken und Lux  bekam einen schönen Knochen mit noch viel Fleisch zum abnagen kredenzt.

Nach dem Aufräumen in der Küche verschwand jeder kurz um seine Geschenke unter dem Baum zu legen und als wir alle im Wohnzimmer versammelt waren, zündeten wir die Kerzen auf dem Christbaum an. Die Bescherung war wie immer ein wundervoller Brauch den wir alle liebten und ausgiebig zelebrierten. Dann wollten wir als musikalische Familie Weihnachtslieder singen. Unser Höhepunkt eines festlichen Abends.

Mama holte ihre Zitter hervor, ich meine alte Gitarre und wir stimmten unser erstes Weihnachtslied an. Ich schaute kurz zu Lux, der noch friedlich unter der Eckbank lag. Wir wollten mit „Alle Jahre wieder“ beginnen Kaum hatten wir losgelegt, setzte sich Lux in Position und fing an zu jaulen. So herzzerreißend und unmusikalisch wie es nur ein Hund fertig bringt. Wir hörten plötzlich alle auf zu singen. Draußen in der Dunkelheit war ein Heulen in Lux Gejaule mit eingefallen.  Es war eindeutig der Wolf. Wir konnten es nicht glauben. Lux und der Wolf heulten um die Wette. Lux wurde es wohl auch bewusst  und er stellte seinen Gesang ein. Das ferne Heulen des Wolfs ließ ihn erstarren. Mit großen Augen wie eine Eule sah er aus dem Wohnzimmerfenster in die stille Nacht. Dann verkroch er sich mit eingezogenem Schwanz winselnd unter die Eckbank.

Das Heulen des Wolfs hörte ebenfalls schlagartig auf. Wir staunten alle nicht schlecht. Es gab ihn also doch und Lux fürchterliches Jaulen hat ihn anscheinend animiert mit zumachen. Alles Zureden half nichts, unser Hund traute sich den ganzen Heiligen Abend nicht mehr aus seinem Versteck hervor und auch als wir zur späten Stunde die Kerzen ausbliesen und ins Bett gingen, rührte sich Lux nicht mehr von der Stelle.  Ich kraulte ihn am Ohr. „Keine Sorge, der böse Wolf ist weit weg und tut dir sicher nix, fröhliche Weihnachten trotzdem Luxibär“  Seit diesem Abend hörte auch Lux Gejaule bei Musik aller Art auf. Es war, als hätte er Angst den Wolf herbeizurufen und sein Instinkt warnte ihn davor. Meiner Familie war es recht und der Wolf wurde auch nie gesehen und auch nicht mehr gehört. Für uns alle ein denkwürdiger heiliger Abend. Wir hatten doch tatsächlich einen Weihnachtswolf in unserer Mitte.

 

In liebevoller Erinnerung an den Kettenhund Lux, im Dorf meiner Oma, den ich als Kind oft bedauert habe.

 

Schneeflöckchen kommt geschneit

Mutter Wolke zieht schwer gefüllt mit uns dicken Regentropfen  durch den trüben Himmel. Lang kann es nicht mehr dauern und sie wird sich öffnen und uns in die weite Welt entlassen. Wir drängeln uns dicht zusammen, aufgeregt und bereit auf das große Abenteuer. Was wird mich erwarten? Wo werde ich aufschlagen? Wir Regentropfen sind schwer und wenn es dumm kommt klatsche ich hart auf den Boden auf. Lieber wäre mir natürlich das Wasser, in einen großen See vielleicht oder in einen reissenden Fluß fallen und sich treiben lassen mit Millionen von Artgenossen in den ewigen Kreislauf der Natur.Kalt ist es geworden, ich zittere und bibbere. Da, wie durch Zauberhand öffnet Mutter Wolke ihre Pforte und wir Regentropfen fallen aus ihrem schützenden Kokon.

Wir schreien und jubeln und jeder wird seine persönliche Geschichte erleben. Ich drehe und purzle  in der Luft, werde immer schneller und schneller. Doch plötzlich verliere ich meine Geschwindigkeit. Ich werde langsamer und fange an mich zu verändern. Was passiert mit mir? Ich werde immer leichter und verforme mich zu einem Kristall. Ich sehe dass meinen Freunden um mich herum das gleiche passiert. Wir werden zu wunderschönen Sternen aus Eis. Wir schweben und tanzen durch die eisige Luft, wirbeln herum und drehen uns mit unseren wunderschönen weißen Kleidern umher.

Dunkel ist der Himmel über uns geworden. Ein leichter Wind trägt mich zu einem hellen Licht. Immer strahlender wird dieses Licht und ich lasse mich fallen, ergebe mich diesem herrlichen Glanz. Wie ein Wattebausch so leicht komme ich mitten auf einer Tannenspitze zur Ruhe. Die Tanne hat das Licht gesandt. Sie hat mir meinen Weg gezeigt. Sie ist geschmückt mit herrlichen bunten Kugeln und hunderte von Kerzen leuchten auf ihr. Unten auf dem Boden stehen viele Kinder und bestaunen sie mit großen Augen und singen:

 „Schneeflöckchen, Weissröckchen wann kommst du geschneit“......

Ja ich bin da, lache ich. Seht mich an an, ich bin zu euch geflogen, so weit vom Himmel herunter. Ich wohnte in einer Wolke und jetzt sitze ich ganz oben auf diesem wundervollen Baum und ihr singt und freut euch weil ich da bin.

Immer mehr meiner Freunde fliegen zu mir und wir kleiden die Tanne in eine weiße Pracht.

„Es schneit, es schneit, bald kommt Weihnachten“ schreien die Kinder und sie fassen sich an den Händen und springen um den Weihnachtsbaum herum. 

Meine Freunde und ich freuen uns sehr über diese nette Begrüßung und singen unser Lied : „Schneeflöckchen, Weissröckchen jetzt sind wir geschneit. Wir bringen euch Freude zur Weihnachtszeit“

 

Stern der Hoffnung

Es war einmal ein Stern der hell und strahlend im All leuchtete. Um ihn herum waren unzählige andere Sterne, so viele, dass er nicht wusste wo es anfing und aufhörte. Jeder dieser Sterne war so weit weg von dem anderen. Sie wussten nichts voneinander. Jeder war allein im großen dunklen Nichts. Es verging eine Ewigkeit und er merkte dass sein Glanz langsam verblasste. Bald werde ich sterben und mein Licht wird verschwinden und niemand wird mich vermissen. Es gibt so viele andere. Der Verbleib eines einzelnen zählt nicht. Dieser Zustand machte ihn sehr traurig und er sah keinen Sinn mehr in seiner Existenz.

Weit im dunklen Nichts war ein Planet der so blau war wie kein anderer in seiner Galaxie. Der Stern fand, dass er wunderschön aussah. Er hatte etwas Magisches, Einzigartiges an sich. Mutter Sonne strahlte auf ihn und er drehte sich im Kreis und ließ sich wärmen. Auch er war allein auf sich gestellt, die anderen Planeten waren zu weit weg. Wir sind alle allein dachte der Stern, allein im Universum.

Auf dem blauen Planeten, weit weg von dem Stern, in einem Haus unter dem Dach saß ein kleines Mädchen und sah aus dem Fenster. Sie beobachtete den Sternenhimmel. Es war klar heute Nacht, die Sterne funkelten um die Wette.  Es war der Abend vor Weihnachten. Eigentlich habe ich alles, freute sich das Mädchen, ich habe tolle Eltern und wohne in einem schönen Haus. Wir sind gesund und ich habe viele Freunde. Ich bin wirklich glücklich. Morgen bekomme ich Geschenke. Am meisten würde ich mir wünschen, dass jetzt in dem Moment ein Zeichen kommt von Gott. Der freut sich sicher auch dass morgen wieder Weihnachten ist und die Menschen zumindest an dem Tag ein bisschen netter sind miteinander. Das wäre schön, dachte sie.

Der Stern fühlte seine Zeit war gekommen. Ich werde mich jetzt auf den Weg machen und eins werden mit der unendlichen Dunkelheit im ewigen Nichts. Er ließ sich fallen und zog einen langen hellen Schweif hinter sich her. Wie ein Lichtwesen zog er durch das All und spürte plötzlich eine tiefe Zufriedenheit und Erlösung in sich.

Das kleine Mädchen auf der Erde  sah diese wunderschöne Sternschnuppe. Sie war so hell und herrlich anzusehen. Sie zog wie ein Glitzerband durch die schwarze Nacht.

„Fröhliche Weihnachten, lieber Gott“ lachte das kleine Mädchen und klatschte begeistert in die Hände. Mein Wunsch ging in Erfüllung. Ich muss einfach nur fest daran glauben und genau hinsehen, dann sehe ich auch im dunklen Nichts ein Zeichen der Hoffnung. Ich danke dir.

 

 

Eine besinnliche Yogastunde

Zwei Wochen vor Weihnachten trafen sich vier Teilnehmer am Abend zu ihrer wöchentlichen Yogastunde mit Lehrmeisterin Sina. Sina war eine erfahrene Yogameisterin und versprühte stets den erleuchteten Glanz auf ihre begabten Schülerinnen und Schüler. Alle liebten die Stunde bei ihr. Sina war ein Schatz. Beim Sonnengruß gab‘s die ersten Unsicherheiten und eine allgemeine Unruhe machte sich im Raum breit.
Sina seufzte.“Was ist denn los heute, ihr seid alle so fahrig und gar nicht bei der Sache“.
Ihre sanften braunen Augen schweiften über die vier Anwesenden.

Marlene, eine ehrgeizige Karrierefrau, überzeugter Single, legte gleich los.
„Ich krieg den Kopf nicht klar, dieses „Scheiss Weihnachten“. Meine Mutter ruft mich täglich in der Arbeit an, was ich essen will und jammert mich voll, weil Vater sich nicht im Haushalt betätigt. Sie will den Christbaum heuer Rot statt Gold schmücken und die Plätzchen sind ihr zu hart geworden und blabla..ich will das alles nicht mehr hören.“

 Susi, Hausfrau und Mutter zweier kleiner Kinder.
„Geht mir genau so, ich frage mich wozu ich den Terror noch mitmache. Ich schufte mich kaputt im Advent, mache alles schön und am Heiligen Abend plärren die Kinder, die Bratensoße ist nicht gelungen und mein Mann macht auf alles gut.

 Gerd, Beamter, geschieden, pflegebedürftige Eltern.
„Ich darf meinen Kindern Geld überweisen und sie die Feiertage nicht sehen. Ich sitz bei meinen alten Eltern und hör mir Verdauungsprobleme und sonstige Krankheitsgeschichten an. Ich glaub ich hau ab.“

 Kerstin, Lehrerin im Ruhestand, Witwe, keine Kinder.
„Ich denke mir jedes Mal, warum tu ich mir das jedes Jahr an? Ich sitze allein vorm Christbaum und bedauere mich. Eigentlich könnte ich am Palmenstrand liegen oder ein Wellnesshotel genießen.“

 „Setzt euch alle hin“, sagte Sina und alle nahmen auf ihren Matten gehorsam Platz. „Ich mache euch einen Vorschlag. Ich fliege am 23.12 nach Pune, Indien. Ich mache dort ein Meditationsseminar. Ihr könnt mitkommen und den ganzen Stress hier zurück lassen. Kein Weihnachtsterror und keine lästigen Verpflichtungen. Wie schaut‘s aus?“ Sina lächelte sanft in die Runde.

 „Nein, das kann ich meinen Eltern nicht antun, sie lieben Weihnachten und ich ja eigentlich auch. Es ist ja dann immer ganz nett bei ihnen und die Feiertage machen wir auch immer einen schönen Ausflug zusammen“ sagte Marlene.

 „Um Himmels Willen, ich kann meine Familie nicht allein lassen. Die Kinder glauben ja noch ans Christkind und wenn ich das Glöckchen bimmel und die Kleinen kommen ins Wohnzimmer mit großen Augen, den Anblick will ich auf keinen Falls missen, es ist so süß“, sagte Susi.

 „Wer weiß, was nächstes Weihnachten ist, meine Eltern haben ja nur noch mich und waren immer für mich da. Ich koche für sie und sie sind so dankbar wenn ich komme. Sie sind so lieb zu mir“, sagte Gerd.

 „Irgendwie ist es doch zu Hause am schönsten und ich will ja am Heiligen Abend in die Messe gehen, da treff ich viele Bekannte und meine Nachbarin freut sich immer so, wenn ich am ersten Weihnachtsfeiertag zu ihr auf einen Tee komme, sagte Kerstin.

 Sina lachte fröhlich. „Obwohl ihr alle Weihnachten so schlimm findet, fallen euch aber viele Gründe ein, es doch zu feiern. Ich höre überall Liebe, Fürsorge und Freude heraus. Lasst euch das durch den selbsterzeugten Stress nicht kaputt machen. Versucht jeden Tag in Ruhe und voller Zuversicht zu meistern. Seit Achtsam mit euch selber. Mehr müsst ihr nicht machen. Dann wird es sicher ein schönes Fest für euch alle werden. 
 
Marlene, Susi, Gerd und Kerstin grinsten sich alle an. Sina hatte ihnen wieder mal den Spiegel vorgehalten und die Situation liebevoll entschärft. Sie war eine eben eine Meisterin, auch für gestresste Seelen.

 „Wir sollten heute mal unsere Yoga Verbiegungen ausfallen lassen und lieber irgendwo einen schönen Drink zu uns nehmen. Was meint ihr?“ schlug Sina vor.

 Alle waren einverstanden und machten sich gut gelaunt auf den Weg ins Cafe „Nirwana“ und verbrachten dort einen besinnlichen Abend.